| Das alles ist grandios gedacht – wäre da nicht noch die Musik. Der zugegebenermaßen in erträglicher, nicht verlogener Weise kaum darstellbare szenische Bezug zur seelischen Intimität (nicht Innerlichkeit) der Musik geht bei all dem verloren. Musik und Szene klaffen am Ende schmerzlich auseinander, was immerhin jenseits des Werkes auch eine starke Wirkung hervorruft. Bieito sieht die Utopie der Violetta-Gestalt nicht mehr in einer im Leiden aufleuchtenden Humanität, sondern in den Freiheitsgraden ihres unkonventionellen Gefühlslebens: „Sempre libera“! Musikalisch bewegt sich die Produktion auf hohem Niveau. Enrique Mazzola leitet das Staatsorchester Hannover zu einer sängerfreundlichen Begleitung an, ohne auf eigenständige dramatische Akzente des Orchesters zu verzichten. Die Vorspiele zum 1. und 3.Akt vereinigen Klarheit mit inwendigem lyrischen Schmelz. Natalia Ushakova besteht als Violetta die virtuosen Koloraturen des 1.Aktes sicher, überaus beglückend gelingt ihr die Melodieformung von „Dite alla giovine“ und auch die Wärme und sublime Expressivität ihres „Addio, del passato“ prägen sich nachhaltig dem Ohr ein. Ihre Partner sind Will Hartmann als vokal zuverlässiger Alfredo, Trond Halstein Moe als Giorgio Germont mit stimmlicher Noblesse und Leandra Overmann, die in Bieitos Version Flora und Annina in einer Person verkörpert und auch gleich noch eine Arie aus Alfredos Part übernimmt.
Fazit: Calixto Bieito ist an „La Traviata“ auf eine interessante Weise gescheitert. Sein Versuch, die Oper vor der Vereinnahmung durch bürgerliche Ideologie zu erretten, kommt am Ende nur um den Preis einer Zerstörung des Werkes, einer Aufgabe der Einheit von Musik und Szene zu Stande. Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch die ‚Schönheit’ der musikalischen Interpretation, die sich zumindest im 3.Akt ins Nichts verströmt.
Christian Tepe, M.A.
Die nächsten Aufführungstermine: 25.10. und 23.11. Kartentelefon: (0511)-9999-1111
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