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Christian Tepe über Korngols Oper "Die tote Stadt" 2

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion


"DIE MACHT DER VERGANGENHEIT ÜBER DAS LEBEN"
Korngolds Oper “Die tote Stadt“ in einer Neuinterpretation von Tilman Knabe in Bremen

Knabe spitzt die Fokussierung des Stücks auf die Darstellung von Pauls Innenwelt noch deutlicher zu, indem er Pauls Wohnung, seine “Kirche des Gewesenen“, zum Schauplatz aller drei Bilder macht und somit auch die gesamte Traumsequenz an diesem Ort platziert. Seiner Neudeutung opfert Knabe weitgehend das effektvolle Theater auf dem Theater im zweiten Bild, wenn in Pauls Traum Mariettas Komödiantentruppe an der Kaimauer zu Brügge eine Persiflage auf die Auferstehungsszene aus Meyerbeers „Robert der Teufel“ mit Marietta in der Rolle der auferstandenen Helena aufführt und sich darin Pauls Seelenleben spiegelt. Die „tote Stadt“ Brügge, die als eine substantielle Objektivierung der seelischen Befindlichkeit Pauls weit mehr als bloßes Stimmungsdekor ist und deshalb bei Korngold Spielort des zweiten Bildes, verlegt Knabe in ihrer atmosphärischen Wirkung in die Wohnung Pauls, die Alfred Peter (Bühnenbild) zu einem katholischen Kirchenraum mit Altar und Tabernakel zur Aufbewahrung des von Paul fetischistisch verehrten Haarzopfes der Toten umgestaltet hat – ein äusserst eindrucksvolles Bühnenbild von beklemmender Wirkung.

In diesem Bühnenraum inszeniert Knabe eine Reflexion über die Affinität von religiöser und sexueller Besessenheit, wenn im Verlauf des zweiten Bildes dem Kirchengestühl zahlreiche Verdoppelungen Mariettas (in aufreizendem Platinblond) und Pauls entsteigen und Paul in ihren Hexensabbat hineinziehen. Die magische Musik zur visionären Erscheinung von Pauls verstorbener Frau gegen Ende des ersten Bildes, mit der die Traumsequenz eröffnet wird, findet auf der Bühne allerdings kaum eine szenische Entsprechung.

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