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Christian Tepe über Korngols Oper "Die tote Stadt" 1

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion

"DIE MACHT DER VERGANGENHEIT ÜBER DAS LEBEN"
Korngolds Oper “Die tote Stadt“ in einer Neuinterpretation von Tilman Knabe in Bremen

Die 1920 uraufgeführte Oper „Die tote Stadt“ ist der Geniestreich eines 23jährigen Komponisten, der souverän über die Musikstile seiner Zeit, von der Kantabilität eines Puccini und dem Klangraffinement der Impressionisten bis hin zu Ausflügen in Grenzbereiche der Tonalität, verfügt und diese zu einem höchst eigenwilligen Idiom verschmilzt: Korngolds Musik verströmt einen nostalgischen Duft, der den Zuhörer in einer Art Zeitreise in die geistige Atmosphäre der Entstehungszeit des Werkes gegen Ende des Ersten Weltkriegs und nach dem Zerbrechen der alten Ordnung in Europa versetzt. Das ungewisse Schwanken zwischen Altem und Neuem, die Aufgabe der Lösung von der im Rückblick verklärten Vergangenheit stehen auch im Mittelpunkt des Librettos: Es erzählt die Geschichte des Witwers Paul, der in der rituellen Verherrlichung seiner Frau Marie erstarrt ist. Die Begegnung mit der attraktiven, seiner toten Frau in ihrer Erscheinung verblüffend ähnlichen, jedoch völlig wesensverschiedenen Tänzerin Marietta stürzt Paul in eine Traumsequenz, die in der imaginären Ermordung Mariettas durch Paul gipfelt, Paul jedoch in einer Art Katharsis von seiner Fixierung auf die Tote befreit – soweit das Libretto. Musikalisch klingt das Werk allerdings in der sehnsuchtstrunkenen Trauerstimmung des emblematischen Ohrwurms “Glück, das mir verblieb“ aus.

(Szenenfoto: Jörg Landsberg)

Tilman Knabes Neudeutung der Oper am Bremer Theater hakt an der Differenz zwischen der im Sinne eines Heilungsprozesses verhalten optimistischen Tendenz des Librettos und dem gerade am Schluss des Werkes noch gesteigerten schmerzvoll-resignativen Gestus der Musik ein. Knabe vertraut eher der Musik als der Dramaturgie des Textbuches und verwischt deshalb die Trennungslinie zwischen Traum und Realität am Ende des letzten Bildes: Nach dem durch das Libretto markierten Abschluss der Traumsequenz verharrt Paul bei Knabe in einer autistischen Pendelbewegung an seinem Schrein mit den Reliquien der geliebten Toten: Die Macht des Vergangenen scheint hier den Sieg über das Leben und die Zukunft davongetragen zu haben. Die Paul umgebenen Personen aus der Realität bewegen sich wie zuvor die Figuren seines Traums in einer unwirklichen, zeitlupenartigen Schwerelosigkeit (Choreographie: Jacqueline Davenport).

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