| Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
Der Totentanz des Publikums
Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“ in Bremen: virtuoser Regie-Coup von Rosamund GilmoreJede Produktion von Victor Ullmanns 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt komponierter Oper „Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung“ konfrontiert die Regie mit außergewöhnlichen Herausforderungen: Sie hat einerseits die ungeheuerlichen Entstehungsbedingungen dieser Oper szenisch erfahrbar zu machen und sollte andererseits dem Ethos von Ullmanns Legendenspiel Referenz erweisen: Darin geht es um die Abdankung des Todes aus Empörung über die rasende Perfektion des von Menschen organisierten Massenmords und die Wiedereinsetzung des natürlichen Wechsels von Leben und Tod durch die Selbstbescheidung des Kaisers in der freien Annahme seiner Sterblichkeit.
Wie das Bremer Produktionsteam um Regisseurin Rosamund Gilmore den sich überkreuzenden Dimensionen dieses Zeitdokuments gerecht zu werden versucht, das ist höchst virtuoses und intelligentes Musiktheater. Einer herausragenden Ensembleleistung gelingt es, der aktuell aufkommenden Tendenz, den Holocaust als Episode der deutschen Geschichte abzuheften, entgegenzutreten und die Zuschauer zum Nachdenken über das zu zwingen, worüber alle schon genau Bescheid zu wissen meinen. Die Aufführung beginnt, sobald der Zuschauerraum für das Publikum freigegeben wird. Unversehens befinden sich die Besucher in dem von Nicola Reichert detailgetreu nachgebauten Ambiente einer Konzertsaalbaracke aus dem 1944 in Theresienstadt hergestellten Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“: Sitzgelegenheiten wie im Caféhaus laden zum Verweilen ein, auf der Bühne wartet ein Konzertflügel, Blumenkästen schmücken den Bühnenrand, livriertes Personal flankiert den Saal. Eine paradoxe Stimmung bedrohlicher Harmlosigkeit beherrscht den Raum.
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