| Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
Puccini als Avantgarde-Komponist
"Tosca" in Osnabrück: Gastdirigent Rasmus Baumann verblüfft mit einer kühnen KlangauffassungAuch wenn das Orchester die dramatische Aktion dominiert, nimmt die musikalische Koordination mit der Bühne dadurch kaum Schaden. Als darstellerisch ausdrucksstarke Tosca setzt Nicola Beller Carbone im 2.Akt den entfesselten orchestralen Klangattacken mit einem kraftvollen Sopran die hochdramatischen Spitzen auf, während sie besonders im 3.Akt mit berückend zartfühlenden, nahezu schwerelosen Gesangsgesten überzeugt. Etwas splissig-nervös wirkt hingegen am Premierenabend noch ihr „Vissi d’arte“. Ricardo Tamura glänzt als Cavaradossi: Mit stimmlicher Noblesse, strahlenden Forte und Expression ohne Exaltation formt der absolut höhensichere Tenor ein ergreifendes Charakterportrait des Malers. Dem von Puccini musikalisch nicht ganz so reich bedachten Scarpia verleiht George Gagnidze eine alle Facetten des Dämonischen, Spöttischen und verschlagen Liebenswürdigen umklammernde Gesangsmaske.
Szenenfoto: Uwe Lewandowski Thilo Borowczak inszeniert zunächst sorgfältig am Stück entlang. Ab dem Ende des 2.Akts konzentriert er sich ganz auf Tosca und findet zu ebenso einleuchtenden wie suggestiven Bildern, etwa wenn Tosca nach der Ermordung Scarpias mit dem Tatwerkzeug auch noch das von Cavaradossi im 1.Akt gemalte Bild der Maria Magdalena, das nun im Gemäldekabinett des Polizeichefs hängt, zerstört - die unheilstiftenden Folgen ihrer Eifersucht und ihrer Rolle als Phantasiefrau der Männer erkennend. Danach fällt sie in den Zustand einer infantilen Trance zurück; der Gesang des jungen Hirten zu Beginn des 3.Akts (Alissa Rose) ist ein verstörtes Zwiegespräch Toscas mit sich selbst, mit dem jungen unschuldigen Mädchen, das sie im Innern ihres Herzens stets geblieben ist. Das ist sehr anrührend, weil es ganz unaufdringlich empfinden lässt, was die Zeitläufte dann auch des 20.Jahrhunderts den Menschen angetan haben. Am Ende gibt es einen zwar nicht librettogetreuen, doch musikdramaturgisch schlüssigen Beinahe-Liebestod: In genauer Entsprechung zum finalen orchestralen Verzweiflungsausbruch von Cavaradossis Arienthema sticht sich Tosca nieder und stirbt in einer letzten Wendung hin zum toten Geliebten.
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