| Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
Wagner in der Elendsgesellschaft des 21.Jahrhunderts angekommen Tannhäuser in Bremen: Tilman Knabe erkundet die präfaschistische GegenwartDieser neue Tannhäuser macht einige Bemerkungen zum Verhältnis von Werk und Inszenierung notwendig. Von Tilman Knabe war von vornherein nicht zu erwarten, dass er in historisierender Manier eine Legende aus dem 13.Jahrhundert präsentiert. Es laufen stattdessen zwei Geschichten gleichzeitig nebeneinander her: die, von der gesungen wird und Knabes Parallelerzählung. Das führt gewiss zu einigen Ungereimtheiten. Warum z.B. versucht Wolfram im 3.Akt seinen Freund Tannhäuser sängerisch noch so vehement von einem Wiedersehen mit Venus abzubringen, wo diese in Knabes Version doch längst schon Aufnahme in die Agape-Gemeinschaft Elisabeths gefunden hat. Andererseits findet Knabe immer wieder Schnittstellen zwischen seinem Erzählstrang und der musikalischen Erzählung, die der Musik eine verblüffende Wirkungssteigerung zuwachsen lassen. Knabe entdeckt Sinndimensionen der Musik, die überhaupt erst unter den Bedingungen unserer Zeit hörbar werden konnten. Man denke nur an das große Erbarmen mit der Elendsgemeinde zu Beginn des 3.Aufzugs. In solchen Momenten wird den Zuschauern die Musik Wagners neu geschenkt! Wer will, kann einen Überhang an Ideen und gelegentliche Defizite in der theatralischen Umsetzung, durch die diese starken Ideen erst ihre bezwingende Aussagekraft erhalten, beklagen. Aber die Richtungsentscheidung stimmt, besonders was die Wiedereinholung der sozialen Wirklichkeit durch die Opernbühne betrifft. Die Musik Wagners taugt eben nicht als Polster behaglichen Ausruhens, Vergessens und Wegsehens.
Obwohl es im Allgemeinen zu Recht verpönt ist, in einer Aufführungsbesprechung das Publikumsverhalten zu schmähen, soll dennoch auf die zahlreichen „Buhs“ besonders während der ersten Aufführungshälfte eingegangen werden. Ein Teil des Publikums tat sich schon zu Beginn schwer mit einem Tannhäuser, der sein Preislied mit einer Bierdose in der Hand zelebriert und einer Venus, die als letzte traurige Flower-Power-Erinnerung müde-verzweifelt um ihren Geliebten kämpft und Hermanns Jagdgesellschaft zur gewohnheitsmäßigen Massenprostitution bereitsteht. Zu den intimsten musikerotischen Eingebungen Wagners im 1.Akt ("Besänftigt auf dem weichsten Pfühle...") erscheinen Venus und ihr Gefolge als Fruchtbarkeitsgöttinnen, die später im 3.Akt efeubekränzt den grünenden Pilgerstab ersetzen. An den Zusammenhang von weiblicher Sexualität und Gebärfähigkeit zu erinnern, grenzt in Zeiten des Cybersex schon an einen Tabubruch. Auch Knabes schöner Einfall, den jungen Hirten mit seinem Lied an Frau Holda als Venus’ Sohn auftreten zu lassen, gehört in diesen Zusammenhang. - Doch dann zu Beginn des 2.Aktes der bitterste Moment der gesamten Aufführung: Es hagelt einige scharfe "Buhs" und auch ein "Pfui".
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