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Christian Tepe über Tilman Knabes Tannhäuser in Bremen

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion

Wagner in der Elendsgesellschaft des 21.Jahrhunderts angekommen
Tannhäuser in Bremen: Tilman Knabe erkundet die präfaschistische Gegenwart

Nur das Musiktheater kennt solche unvergesslichen Augenblicke bedrückender Intensität, wie sie der neue Bremer Tannhäuser zu Beginn des 3.Aktes heraufbeschwört: Wenn sich zum musikalischen Höhepunkt der Orchestereinleitung der Vorhang hebt, wird unter unheildräuenden Klängen eine Art Ghetto für „sozial Schwache“ und andere „missliebige Personen“ sichtbar. Ein Schreckensbild der deutschen Gesellschaft um 2030, ein bestürzender Ausblick in unsere mit den Sozialreformen soeben begonnene Zukunft. Ort des Geschehens ist die zu einer wilden Müllkippe verwandelte Restruine einer Kirche (Bühne: Beatrix von Pilgrim). In Papp- und Plastikzelten kauert hier - dem Tun und Treiben der religionsfreien Geschäftscity wohlverborgen - die Gemeinde der aus der Solidargesellschaft Vertriebenen: Alte, Kranke, Arbeitslose. In ihrer Mitte Wolfram, Venus und Elisabeth. Die Tochter aus dem Establishment und die Fixerin vom Drogenstrich verbindet schon seit dem 2.Akt neben der Liebe zu Tannhäuser eine rücksichtsvolle Zärtlichkeit füreinander. Jetzt führen sie als alte Frauen die von Elisabeth organisierte Armenspeisung durch. Während die Dünste ihrer faden Suppe einigen im Publikum schon leichtes Magengrimmen bereiten, strecken die hungrigen Gestalten auf der Bühne ihre leeren Näpfe Elisabeth flehend entgegen.

Anders als Wagner lässt Regisseur Tilman Knabe zwischen dem 2. und 3.Akt einige Jahrzehnte verstreichen, um zu Ende zu denken, wohin sich die präfaschistische Gesellschaft, in der wir jetzt leben und die Knabe im 1. und 2.Akt noch mit distanzierendem Slapstick vorführt, bewegt. Es ist dies kein sofort erkennbarer Hakenkreuz-Faschismus. Etwaige Reminiszenzen daran werden durch eine oberflächliche Political Correctness im Keim erstickt, wie ein einzelner Hitlergruß-Enthusiast zu Beginn des Chores der Ritter und Edlen erfahren muss. - Was hier heraufzieht, ist die rücksichtslose und brutale „Ausmerze“ allen ökonomisch funktionslosen Andersseins und Außenseitertums, bei Knabe idealtypisch vertreten durch Elisabeth (Caritas und weibliche Moral) und Venus (Sinnlichkeit und Mütterlichkeit) sowie durch Wolframs Freundschaftsgeist und Tannhäusers Künstlertum. Zuletzt erschießen die machtbewussten Handlanger des Landgrafen als Saubermänner und unnahbare Betonköpfe im Senatoren- und Politikerlook Elisabeth und Tannhäuser und räumen das Lager, in dem sich eine so Besorgnis erregende Menschlichkeit ausgebildet hatte.

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