| Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
Ein falscher Prophet
Richard Strauss' Salome am Essener Aalto-Theater in einer Neuinszenierung von Tilman KnabeSalome ist nicht die, für die sie gehalten wird. Wer sie sein könnte, wird erst deutlich, wenn sie ihren einsamen Liebestod stirbt. In Alfred Peters raffiniertem Bühnenbild ist zu diesem Augenblick das verwinkelte, auf das Stuck-Gemälde zentrierte Kellerlabyrinth einem leeren, magisch gold-gelb umfassten Innen- und Hinterraum des Gemäldes gewichen. In ihn verströmen sich die leidenschaftlichen Kantilenen der Prinzessin. Diese Salome greift nicht gierig nach dem Kopf des Johanaan, sondern umkreist minutenlang zuerst in weiten, dann immer engeren Radien die ihr vom Henker dargebotene 'Gabe'. Ihr Liebesrausch steht ganz im Gegensatz zu den immer neuen Tableaus des Grauens, die in archaischer Standbild-Statik die ganze Inszenierung begleiten. Knabe rückt die Prinzessin in die Nähe der großen, leidenden und unverstandenen, utopischen Frauenfiguren der Oper des 19. Jahrhunderts. Weder die ebenso lüsterne wie barbarische eigene Gesellschaft noch die religiösen Aspirationen eines in Wahrheit nicht minder gewaltbereiten und lebensverachtenden falschen Propheten eröffnen dieser Frau, die ihre ganze Umwelt so weit überragt, eine Chance auf so etwas wie Glück in einer menschlichen Begegnung.
Musikalisch erreicht jede Salome-Aufführung nur eine Annäherung an das Ideal der Partitur. GMD Stefan Soltesz und die Essener Philharmoniker gehen bis an die Grenze des Möglichen. Soltesz hat sich gegen einen süffigen Sound der aufpeitschenden Emotionen zugunsten eines transparenten Klanggeästs nach der Art eines 'analytischen Impressionismus' entschieden, von dem sich um so wirkungsvoller die genau kontrollierten orchestralen Ekstasen der Zwischenspiele und des Finales abheben. Weniger glücklich agiert trotz einer vortrefflich rollenadäquaten äußeren Erscheinung Francesca Patané in der Titelpartie. Ihre Salome wirkt stimmlich zunächst sehr angespannt, fällt mitunter durch eine unstete Tongebung sowie eine unangenehme Schärfe in der Höhe auf. Um so überraschender ist es dann, wenn ihr im Finale doch noch die Steigerung zu einem strahlenden, weit ausladenden Erlösungsgesang gelingt. Hier demonstriert Frau Patané, über was für ein sängerisches Potenzial sie tatsächlich verfügt. Chris Merritt zeigt als Herodes, dass diese Partie nicht nur aus exaltierten Deklamationen besteht, sondern auch gesungen werden kann. Gleiches gilt für Ildiko Szönyi, deren markante Herodias ohne alles Keifen auskommt. Mit makellosen Schöngesang zelebriert Heiko Trinsinger mühelos die von Strauss ironisierend konventionell gehaltene Erweckungsmystik des Johanaan.
Christian Tepe.
Die nächsten Vorstellungen: 22.Februar, 4., 18. und 24.März, 2. und 12.April sowie 15.Mai. Kartentelefon: (0201)8122-200
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