| Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
Von der Sehnsucht nach einem besseren Leben
Viel Opernglück mit Puccinis Triptychon in Oldenburg – aber Niedersachsens Kulturpolitik riskiert den TheaterstandortTobias Sosinka inszeniert das Eifersuchtsdrama „Il tabarro“ eher zurückhaltend. Die überaus entscheidende Bedeutung des Atmosphärischen in diesem Stück, seine nervenzerreißende Psychologie, die seelischen Abgründe der Handelnden versickern bisweilen in der spannungslosen Statik von Sosinkas Personenführung. Das Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren wird nicht immer hinreichend deutlich.
Gianni Schicchi soll durch eine Testamentsfälschung als falscher Don Buoso Donati der Familie das Erbe retten. Das macht sexy, finden die Frauen. Magdalena Schäfer (nella), Paul Brady (Gianni Schicchi), Ariane Arcoja (Zita) und Alexia Basile (Ciesca) in "Gianni Schicchi". Foto: Joachim Hiltmann. Wenn z.B. Giorgetta und Luigi im emphatischen Duett Paris und damit ihre Liebe besingen, bleibt dies szenisch folgenlos. Am überzeugendsten gerät in diesem Rahmen der Michele von Ks. Bernhard Lyon mit einer gut ausbalancierten Ausstrahlung von Verletztheit und Zynismus und einem beinahe etwas zu edlen klangschönen Bariton. Magdalena Schäfers Sopran fehlt das Volumen in der Höhe, um die ekstatischen Spitzentöne der Giorgetta-Partie ungeschmälert wirken lassen zu können. Eine tragikomische Charakterstudie formt Alexia Basile aus den Auftritten der Lumpensammmlerin Frugola. Diese auf einnehmende Weise verschrobenen Frauengestalt hat ihre Hoffnungen auf das ganz große, alles verändernde Glück schon lange begraben. Auf unnachahmliche Weise verleiht Puccini ihrer seelischen Verkümmerung mit dem bizarren musikalischen Leerlauf des Liedes über ihren Kater Ausdruck.
Ausgerechnet die Oper, die gemeinhin als die schwächste des Triptychons gilt, wird zum Höhepunkt des Abends. An „Suor Angelica“ erweist sich Dagmar Pischel als Regisseurin mit echtem Opernsinn. Das zeigt sich schon in der ersten Hälfte, wenn es gilt über 30 fast handlungslose Minuten hinweg die Individualitäten eines weitgehend auch musikalisch uniformen Nonnenkollektivs herauszuarbeiten: Pischel vertreibt jeden Anflug von Langeweile, unterhält ihr Publikum mit nuancierter ‚Genremalerei’, um so die richtige Fallhöhe für das bewegende Psychogramm Angelicas aufzubauen, das mit dem Eintreffen der Fürstin beginnt. Sie ist bei Pischel treffsicher weniger die frömmelnde Tante als vielmehr eine ‚Dame von Welt’, die nichts anficht außer der Sicherstellung eigenen Wohllebens. Die Szene mit Angelica und der Fürstin – darstellerisch und gesanglich äußerst packend: Ariane Arcoja – blättert die ungemeine Aktualität des scheinbar entlegenen Stoffes auf: die Verlorenheit des liebenden Menschenherzens in einer Welt kalter Berechnung. Wenn am Ende in einer mystifizierenden Errettungsvision Angelicas die angeflehte Madonna der Nonne ihr totes Kind zuführt, bleibt Pischel dem Libretto und der Musik treu. Sie schreckt davor zurück, dem Finale eine zeitgemäßere Sinndeutung aufzupfropfen: Sicher kein künstlerischer Höhepunkt im Oeuvre Puccinis, aber theatralisch genug, um das Publikum in Oldenburg willig mitzureißen. Entscheidend beteiligt am großen Erfolg der kleinen Muttertragödie ist Nina von Möllendorff als grandiose Darstellerin der Angelica mit äußerst rollenadäquatem quasi körperlos-ätherischem Sopran. Das von GMD Alexander Rumpf einstudierte, am Abend von Eric Solen geleitete Oldenburgische Staatsorchester lässt trotz vereinzelter Intonationstrübungen die zarten Pastellfarben in „Suor Angelica“ ebenso innig leuchten, wie es in „Il tabarro“ durch nuancierungs- und farbenreiches Spiel als Träger der dramatischen Spannung fungiert und in „Gianni Schicchi“ mit energischem Impetus die scharfen, kantigen Klangkonturen musiziert.
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