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Christian Tepe über Vincenzo Bellinis „Norma“ in Bielefeld

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion

Zwei hochherzige Frauen

Vincenzo Bellinis „Norma“ in einer konzertanten Aufführung am Theater Bielefeld

In dem berüchtigt herablassenden Tonfall, mit dem Richard Wagner seiner Bewunderung für Komponistenkollegen gerne Ausdruck zu verleihen pflegte, bemerkte der alte Bayreuther Meister einmal über Bellinis Musik: „Das ist bei aller Pauvretät wirkliche Passion und Gefühl, und es soll nur die richtige Sängerin sich hinstellen und es singen, und es reißt hin.“

In Bielefeld heißt diese Sängerin Karine Babajanyan. An den Ort ihrer Aufsehen erregenden Erfolge u.a. als Madama Butterfly, Jenufa und Amelia kehrt die inzwischen an der Staatsoper Stuttgart reüssierende Armenierin regelmäßig zurück, um neue Partien auszuprobieren. Babajanyans warmer, leicht elegisch gefärbter, auch in der Höhe voluminöser Sopran und ihre ausgezeichnet geschulte Belcanto-Technik mit bezwingender Messa di voce sind ideale Voraussetzungen für einen erlesenen Bellini-Gesang, der ganz zum Spiegel der Seele Normas wird. Das beschränkt sich nicht auf ihre emphatisch-magnetische Interpretation der Melodie-Ikone „Casta diva“ oder ihre das Herz öffnende Version des berühmten dramatischen Rezitativs zu Beginn des 2.Akts, wenn die Muttergefühle der gedemütigten Norma über ihre Rachsucht obsiegen. Die klug ihre stimmlichen Reserven disponierende Sängerin entfesselt besonders im 2.Akt einen Leidenschaftssog, der die Hörer in den Himmel italienischer Gesangsekstase erhebt. Hinzu kommt ein darstellerisches Genie, das sich auch bei einer konzertanten Aufführung seine Bühne schafft, ohne ins Affektierte abzugleiten. Es bedarf keiner besonderen Weissagungskünste, um Karine Babajanyan eine große Zukunft als Norma - wie übrigens auch als Violetta! - vorherzusagen.

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