| Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
Ein Frauenleben als erniedrigende Höllenfahrt
Christian Tepe über Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ am Bremer TheaterLiegen die Stärken der Inszenierung in der kompromißlosen Offenlegung von Katerinas Frauenleben als erniedrigende Höllenfahrt, so präsentiert die Regisseurin dennoch eine zu fatalistische Sichtweise der Oper, die den aufbegehrenden, kämpferischen, keineswegs nur resignativen Charakter der Musik vernachlässigt. Es ist davon auszugehen, daß Schostakowitsch mit seiner Oper auf der Folie von Ljeskows Novelle auch die durch die Oktoberrevolution geweckten und dann unerfüllten Erwartungen hinsichtlich einer freien und humanen Gesellschaft einklagen wollte. Zumindest lebt in der Anlage der Figur Katerinas, in ihren Handlungen und in ihrer musikalischen Charakterisierung ( ebenso wie in der schroffen musikalischen Aburteilung aller übrigen Personen ) etwas von einem revolutionären Ethos fort. Solche Reste revolutionären Elans bleiben in Lauterbachs in sich sehr stimmiger, aber in diesem Punkt den Geist des Werks ein Stück verfehlenden Inszenierung weitgehend ohne szenische Resonanz. Indem Lauterbach Katerina von Anfang an vor allem als zerstörte und beschädigte Frau zeigen läßt, schränkt sie die darstellerischen Gestaltungsmöglichkeiten der schostakowitscherfahrenen Vlatka Orsanic über weite Strecken auf ein psychopathologisch orientiertes Ausdrucksrepertoire ein. Doch gerade in den musikalisch exponierten Schmerzensausbrüchen Katerinas – von Orsanic stimmlich makellos und anrührend gemeistert - , die sich wie ethische Imperative in das Gedächtnis der Rezipienten eingraben, wird das im Vergleich mit ihrer Umgebung Unbeschädigte der Empfindungswelt dieser Frauenfigur, das über die sie unterdrückende Gesellschaft hinausweist, spürbar. Lauterbach konzentriert sich – wenn auch beeindruckend bilderstark – zu sehr auf das atmosphärische Zelebrieren von Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Ähnliches ist es von Helmut Stürmers Einheitsbühnenbild mit angeschrägten, bedrohlich in sich zusammensackenden Seitenwänden und einer Abschlußwand mit auf voller Breite fast ununterbrochenen Tränenflüssen.
Das Orchester unter der Leitung von Graham Jackson kostet die lyrischen Momente der Partitur mit inwendigem Schmelz aus, zeigt sich jedoch dem häufig geradezu physischen Furor der Musik nicht immer ganz gewachsen. Vlatka Orsanic ist in ihrer Bühnenerscheinung trotz der dem Regiekonzept geschuldeten darstellerischen Abstriche bei souveräner Beherrschung des musikalischen Parts stets eine absolut glaubhafte Katerina. Hannu Niemelä gibt einen prägnanten Boris, Bruce Rankins Sergej überzeugt durch stimmliche und gestisch-mimische Präsenz. Die von Theo Wiedebusch präzise vorbereiteten Chöre sind eindeutig auf der musikalischen Habenseite des Abends zu verbuchen. Die Ensembleleistung wird leider insgesamt durch verbreitete Textunverständlichkeit geschmälert.
Wer die Thematisierung von Frausein in der patriarchalen Gesellschaft durch Opern des 19. und 20. Jahrhunderts studieren möchte, hat in Bremen z.Zt. die Gelegenheit, Konstanze Lauterbachs streitbare und anregungsreiche Lady M. mit zwei weiteren ambitionierten Inszenierungen, nämlich Karin Beiers legendärer Carmen (mit F. Brillembourg ) und Ernst-Theo Richters stimmungsvoller La Traviata ( jetzt mit Bremens neuer Sopranistin Lubana Al-Quntar ) zu vergleichen.
Christian Tepe, M.A. CHRISTIAN_TEPE@yahoo.de Aufführungstermine ( Telefonverkauf: 0421-3653-333 ): Lady Macbeth von Mzensk: 21., 23., 27.2., 3. (15.30 Uhr), 15., 22.3. Carmen: 21.3. und 1.4. La Traviata: 29.3. (letzte Vorstellung)
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