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Christian Tepe über Benjamin Brittens The Rape of Lucretia am Oldenburgischen Staatstheater

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion

Fusion von Sexualität und Gewalt

Benjamin Brittens "The Rape of Lucretia" am Oldenburgischen Staatstheater

In Oldenburg legt man noch großen Wert auf eine triftige Spielplangestaltung. Nach „La traviata“ nun Brittens „The Rape of Lucretia“: zwei Frauen, zwei Passionsgeschichten, zwei katastrophal gescheiterte Versuche, eine weibliche Ethik inmitten der lebensverneinenden virilen Wertehierachie zu behaupten. Aber im Gegensatz zu Verdis Kurtisane hat Brittens keusche Römerin von Anfang an nicht den Hauch einer Chance.

Regisseur David Hermann zeigt präzise, worin eigentlich Lucretias Tragik besteht. Die militarisierte und brutalisierte Männerordnung der etruskischen Schreckensherrschaft – für Britten ein Sinnbild der Barbarei des 20.Jahrhunderts – verurteilt Lucretia und ihre Gefährtinnen zu einer passiven, den Männern dienenden Daseinsweise. Bei Hermann sind sie in von der Oberbühne herabreichenden Stoffbahnen eingeschnürt: Das Leben dieser Frauen verrinnt ungelebt im Verborgenen. Für ein solches Los ist die hochherzig liebende und sensitive Lucretia charakterlich nicht bestimmt. Aber der Etruskerprinz Tarquinius (teilweise arg forcierend: James Bobby), der ihr die Fesseln aus Stoff löst, kommt nicht als Befreier, sondern als Zerstörer.

Die Titelpartie wird von Katerina Hebelkova bis in die letzten seelischen Verästelungen hinein durchdacht und durchlebt. Ihr Gesang ist glutvoll, ein ständiges inneres Beben, selbst die aschfahle Agonie der Schlussszene ist noch mit stärkster unterschwelliger Erregung aufgeladen. Von großartiger psychologischer Eindringlichkeit ist das Changieren dieser Lucretia zwischen der Furcht vor dem Unheil von draußen und der Angst vor einer unbestimmten Erwartungshaltung tief im Inneren der eigenen Seele.

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