| In seinem umstrittenen Buch „Die Zerstörung der Vernunft“ diagnostiziert Georg Lukács vor dem Hintergrund des Faschismus den Verfall der bürgerlichen Philosophie des 19. und 20.Jahrhunderts als Triumph des Irrationalismus über die Tradition aufklärerisch-emanzipatorischer Vernunft. Für eine analoge Untersuchung auf dem Feld des Musiktheaters scheint sich Richard Wagners romantische Oper „Lohengrin“ mit ihrem Liebesideal der bedingungslosen Gefühlshingabe ( „Nie sollst du mich befragen…“) als prominentes Exemplum zu empfehlen: Während Wagner in der Figur Ortruds die Frauenemanzipation auf ein Schreckbild manipulativer Zweckrationalität verkürzt (Wagner: „Ihr Wesen ist Politik. Ein politischer Mann ist widerlich; ein politisches Weib aber grauenhaft“), gestaltet er mit Elsa seine Heilsalternative kritiklos-irrationaler Gefolgschaft und bekennt: „Elsa, das Weib, (…) hat mich zum vollständigsten Revolutionär gemacht.“ Wenn Elsa am Ende dennoch das Schweigegebot ihres wundertätigen Ritters infolge der arglistigen Einflüsterungen Ortruds bricht, zieht dies den Liebesentzug Lohengrins nach sich. Ulrich Schreiber sieht in solcher Konzeption einer „totalen Fremdbestimmung der Frau“ den „beklemmenden Tiefpunkt der Frauenbehandlung“ im Oeuvre Wagners.
Anthony Pilavachi lädt in der Neuninszenierung des „Lohengrin“ am Bremer Theater die Zuschauer dazu ein, die Tragödie aus der Perspektive Elsas zu erleben und reformuliert Wagners Antithese von Gefühl und Zweckdenken mit einer Akzentverschiebung , die Elsa aus dem Objektstatus herauslöst. Seine Elsa (Birgit Eger) wirkt mit ihrer feenhaften Ausstrahlung von Anmut, Innigkeit und Reinheit wie eine Fremde in der Welt oberflächlicher Festivitas-Aktivitäten auf der Basis von Intrige, Rückgratlosigkeit und Ich-Schwäche am Hof von Brabant. Elsas Aussprechen der verbotenen Frage wird in Pilavachis Sichtweise zu einer Tat der Selbstbehauptung, aber durchaus nicht zu einem Liebesverrat. Ihre Liebesfähigkeit ist Pilavachi das eigentliche Wunder dieses Dramas, das sich damit im Bereich des Menschlich-Möglichen ereignet und nicht mehr im temporären Gnadenakt einer transzendenten Gralswelt besteht, die Pilavachi konsequent zur Märchen-Staffage degradiert
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