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"Traviata: Frauenmythos, Gesellschaftskritik und Utopie"
Michel Parouty: Verdis Meisterwerk La TraviataUnzweifelhaft zählt Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“, die seit 150 Jahren eine ungebrochene Faszinationskraft auf die Massen ausübt, zu den großen Mythen der Moderne. Wie ein Menetekel dokumentiert das Werk den Leidensdruck, den die bürgerliche Gesellschaft auf ihre Mitglieder ausübt: Verdis einzige Gegenwartsoper erzählt die Geschichte der todkranken Kurtisane Violetta Valéry, die einer oberflächlichen Partygesellschaft den Rücken kehrt, als die Zuwendung des Studenten Alfredo Germont in ihr die Fata Morgana von einem authentischen Leben mit wahrhaftigen Gefühlen wachruft. Ihre Liebe scheitert aber an der Intervention von Germont senior, der den Ruf der Familie und d.h. auch ihre ökonomische Basis gefährdet sieht. Die Vorgänge beschleunigen Violettas von Verdi im Schlussakt zu einer Art Requiem ausgeweitetes und überhöhtes Sterben.
Das Stück thematisiert mit der hysterischen Amüsiergesellschaft der ausschweifenden Feste und Bälle und dem rationalen Ehr- und Moralkodex Germont seniors zwei Grundpfeiler einer in letzter Instanz vom Geld zusammengehaltenen Gesellschaftsformation, deren Mitglieder sich einerseits um der Aufrechterhaltung ihrer bloßen Existenz willen einer Gefühlsverdrängung und –verweigerung mit katastrophischen Folgen verschrieben haben, und die andererseits die daraus resultierende seelische Leere und Barbarei mit einer vollends sinnentleerten hemmungslosen Oberflächenästhetik zu kompensieren trachten. In einer solchen Gesellschaft wird die Stärke des Gefühls, die Fähigkeit, sich hingeben zu können, zum absoluten Überlebensrisiko. Darin liegt trotz der Veränderung der äußeren Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Mechanismen der Wahrheitskern von „La Traviata“ bis heute.
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