| Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
Schwierigkeiten mit der Erlösung
Bayreuth in Osnabrück: Wagners „Holländer“ an den Städtischen BühnenErlöst wurde bei der Premiere von Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ an den Städtischen Bühnen Osnabrück allein das Publikum, nämlich von einer gut zwei Jahrzehnte währenden Wagner-Abstinenz im Spielplan. Für den scheidenden Hausherrn Norbert Hilchenbach hingegen spielt Wagners Erlösungsgedanke keine bedeutende Rolle. Seine Inszenierung liest sich noch einmal als eine Hommage an die Maßstäbe setzende, 1978 in Bayreuth präsentierte Deutung Harry Kupfers. Sogleich mit Beginn der Ouvertüre wird das Kind Senta hinter einem Gazeschleier erkennbar, wie es bald das Bild des Holländers an seine Brust presst. Das Geschehen des ersten Akts verfolgt Senta, die ja eigentlich erst im zweiten Aufzug auftritt, von einem balkonartigen Gerüst, das über eine Wendeltreppe mit der Hauptszene, dem Reich ihrer Imagination, verbunden ist. Die Trauminhalte offenbaren, warum sich das Mädchen in seine Innenwelt zurückgezogen hat: Es ist die Abkehr von einer Welt des Unzusammenhangs aus lauter narzisstisch an ihre eigenen Interessen geketteten Menschen. Das inszeniert sich auch leichter, denn die Kommunikation beschränkt sich so, etwa im Duett Holländer/Daland, auf solipsistische Mitteilungen ohne persönliche Ansprache.
Wie ein Phallus fährt dann der Bug des Holländerschiffs auf Sentas Phantasietheater. Die Anziehungskraft, die der Holländer auf Senta ausübt, ruht aber allein auf der Magie des Bildes; der reale Holländer dagegen strebt eher nach gesellschaftlicher Integration. Dabei bleibt nicht ohne Reiz, wie Hilchenbach die Darstellung des Holländers durch George Gagnidze zwischen den Wunsch- und Angstprojektionen Sentas und der Realität eines angehenden Konformisten changieren lässt. Am Ende hat Senta bei Hilchenbach in einer letzten Zuspitzung von Kupfers Ansatz nicht einmal mehr die Freiheit zum Freitod: Der schrecklich beherzte Erik hält sie in einer fulminanten Machtprobe davon ab, sich mit dem erlösenden Messer zu entleiben.
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