| Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
Weibliche Entgrenzungen
Peter Konwitschny inszeniert in Hannover Nonos "Unter der großen Sonne von Liebe beladen"Die vermeintliche Abstraktheit der Bühnenhandlung löst Konwitschny im ersten Teil zunächst perspektivisch auf: Zwei kleine Mädchen im Glashaus betrachten unter Anleitung einer Fee die Geschichte gescheiterter Revolutionen, die sie als ihre eigene Vorgeschichte entdecken, in die sie nun hineinwachsen. Mit dem Weckruf „Karl Marx“ lässt die Fee die getöteten Menschen aus ihren Särgen wiederauferstehen, allmählich füllt und erwärmt sich die kosmische Landschaft durch die heißen Herzen der Frauen der Pariser Kommune und der ihnen nacheifernden Revolutionärinnen des 20.Jahrhunderts mit Louise Michel und Tanja Bunke an der Spitze. Die Mädchen begreifen mit den Zuschauern die Überlegenheit der Revolutionärinnen noch in deren Niederlagen. Konwitschny stellt die Lächerlichkeit und Kleinheit der Mächtigen aus, wenn er das Arrangement zwischen Bismarck und den bürgerlichen Politikern Frankreichs als erbärmliches Kasperletheater aufführt, bei dem der französische Reaktionär Thiers in einem idiotischen Verzückungszustand zum Stiefellecker Bismarcks wird. Mögen die Unterdrücker auch bisher immer wieder Scheinsiege davongetragen haben, solch jämmerlichen Kreaturen kann nicht das letzte Wort der Geschichte gelten!
Im zweiten Teil tritt dann jedoch an die Stelle einzelner identifzierbarer Tyrannen die „Repressionsmaschine“; ein die gesamte Bühne beherrschender, die Menschen Stück für Stück zusammenpressender Beton-Schraubstock als Raumsymbol des totalen Kapitalismus. Die revolutionären Aktionen der Frauen werden immer hitziger, verzweifelter und kurzatmiger. Die Spur der femininen Vernunft verliert sich in der allgemeinen Panik der Opfer, um sich zuletzt in den Gesang der toten Mutter zu retten. Als letzter Appell an die Lebenden dringt ihre Stimme im fast bildlosen Ende der Inszenierung aus der geöffneten Tür des Eisernen Vorhangs in den Zuschauerraum.
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