| Als Fanal gegen die Zerstörung des Lebensglücks der Menschen durch die Intrigen und Kabale der Realpolitik lebt Schillers „Don Carlos“ im Bewusstsein des globalen Bildungsbürgertums fort. Verdis 1867 uraufgeführte, in Münster in der Mailänder Fassung von 1883 produzierte Oper „Don Carlo“ schwächt und stärkt zugleich das politische Moment der Vorlage, indem sie einerseits die Motivationen der Figuren subjektiviert und emotionalisiert, andererseits durch die Hinzufügung des Autodafés die aktuelle Ästhetisierung des Politischen geradezu vorwegnimmt und auf die Spitze treibt. Was Schiller-Puristen und Opernverächter als Demontage des großen Dichters geißelten, ermöglicht seinem „dramatischen Gedicht“ erst die entscheidende Weitung in die politische Gegenwart hinein. Eine noch subtilere Zugabe Verdis ist der bei aller Farbigkeit resignative, gelegentlich depressive Grundton seiner Musik und der sich darin abzeichnende Utopieverlust Verdis gegenüber Schiller, der den Triumph der Inquisition, des politischen Apparats noch für einen Scheinsieg hielt. Dietrich Hilsdorfs Neuinszenierung verlängert die in Verdis Musik angelegte skeptisch-melancholische Linie. „Denn nichts als nur Verzweiflung kann uns retten“, diese auf einen Satz Grabbes zurückgehende Losung Adornos markiert den letzten Fluchtpunkt utopischen Denkens und steht ungeschrieben auch über Hilsdorfs Neuproduktion von Verdis „Don Carlo“.
Den einzigen zärtlichen Kuss unter den Protagonisten tauschen Königin Elisabeth und Prinzessin Eboli miteinander aus. Um diese Augenblicke seelischer Innigkeit zu ermöglichen, hat man in Münster in die Mailänder Fassung von 1883 das kurze französisch gesungene Duett der um ihr Glück betrogenen Frauen aus der Pariser Probenfassung von 1867 einmontiert. Doch so sehr die intime Szene der beiden Frauen in erotischer Spannung erzittert, auch sie bleibt eine irreführende Utopie, auch sie gründet - wie alle menschlichen Begegnungen in diesem Stück - auf Schein, Täuschung und subjektiv falschen Voraussetzungen, denn noch ahnt Elisabeth nichts von Ebolis Verführung des Königs. Ein undurchdringliches Intrigengespinst der staatlichen und kirchlichen Realpolitik und die darauf basierende Deformation der Charaktere brutalisiert in Dietrich Hilsdorfs Inszenierung die Beziehungen der Menschen, zerbricht ihren Lebensmut, treibt sie wie Carlo in Resignation und Verzweiflung. Vor dem politischen Fanatismus des von Staatshand ermordeten Freundes Posa packt den Prinzen in Posas Sterbeszene der große Ekel. Erst der tote Freund gibt Carlo eine Chance, seine Liebe für ihn zu ‚kommunizieren’. Des Infanten allmähliches Hinabgleiten in den Wahnsinn, seine Flucht in Spott und Zynismus während des Abschiedsduetts mit Elisabeth, finden ihre letzte Bestätigung, wenn sich der Mönch, in dessen Arme Carlo am Ende vor den Inquisitionsschergen flüchtet, als der Großinquisitor zu erkennen gibt! Die Welt der strategischen Rationalität bleibt genauso ohne Ausgang, wie die von Dieter Richter gebaute, von einer hohen Festungsmauer umschlossene Folterstätte klaustrophobe Empfindungen erweckt und die Seele der Zuschauer einschnürt.
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