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Christian Tepe: Debussys „Pelléas et Mélisande“ in Hannover 2

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
“Schallende Ohrfeige statt Liebesekstase“

Zwiespältige Aktualisierung von Debussys "Pelléas et Mélisande" durch Jossi Wieler und Sergio Morabito in Hannover

Bei Maeterlinck/Debussy findet Pelléas’ Halbbruder Golaud Mélisande an einer Quelle im tiefen Wald und nimmt sie mit auf sein in einem zeitlosen Mittelalter angesiedelten Schloss. Bei Wieler und Morabito kommt Mélisande aus den Ritzen der Gesellschaft in den aseptischen Upper-Class-Palast, in dem sich Golauds Familie, eine Alt-68er-Horde, eingerichtet hat. Mélisande ist bei der ersten Begegnung mit Golaud Ausländerin, Asylantin, Prostituierte, „Illegale“, Bettlerin; von allem etwas und doch nichts davon, denn dies sind nur die leeren, ignoranten Begriffsmarken, mit denen die bürgerliche Gesellschaft sich dem Unbekannten, Anderen und Fremden verschließt, für dessen Rätsel die Figur der Mélisande einsteht. Mélisande scheint es mit der Heirat Golauds gut getroffen zu haben: Zu ihrer neuen Familie gehören Genevičve, die Mutter Golauds und Pelléas’, ein ins Establishment aufgerücktes Blumenkind der Flower-Power-Generation, das neben der provokanten Ausstellung seiner sanften Sinnlichkeit Geschäftsakten studiert, ferner das mild-tolerante Familienoberhaupt Arkel, ein gealterter Magier der Wollust, der früher sicher viel Wilhelm Reich gelesen hat sowie Pelléas, Golauds verzärtelter Halbbruder. Nur Golauds enervierend hyperaktiver Sohn aus erster Ehe ist manchmal ziemlich lästig.

Aber mit zunehmender Verweildauer Mélisandes zeigt sich, dass sich hinter den freundlich-freisinnigen Masken Vampirnaturen verbergen, die aus anderen Leben saugen, ohne doch so recht etwas Böses zu beabsichtigen. „Die Wahrheit“ heißt die auf plane Eindeutigkeit und Besitzdenken abgestellte tödliche Folterformel, mit der Golaud nach der Katastrophe, dem Eifersuchtsmord am Bruder, seine sterbende Frau über den Charakter ihrer Beziehung mit Pelléas befragt. Am deutlichsten enthüllt sich die Unfähigkeit dieser pseudoliberalen Gesellschaft, im anderen mehr als das Mittel zur Erzeugung eigener angenehmer Gefühle zu sehen, wenn nach Mélisandes Tod ihre Leiche vom Arzt umgehend durch den dafür vorgesehenen Entsorgungskanal entfernt wird und die Familie ohne großes Aufhebens und ohne jedes Anzeichen anhaltender Trauer sich auf ihr neues Opfer, Mélisandes noch im Brutkasten befindliches Kind, stürzt: „Jetzt ist die Reihe an der armen Kleinen“.

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