| Zwiespältige Aktualisierung von Debussys "Pelléas et Mélisande" durch Jossi Wieler und Sergio Morabito in Hannover Mit der Vertonung von Maurice Maeterlincks „Pelléas et Mélisande“ hat Claude Debussy vor 100 Jahren eine neue musikalische Ästhetik des Erotischen inauguriert. Sie entzündet sich an Mélisandes Haar, dessen Duft, dessen Knistern und Rieseln so etwas wie die kompositorische Uridee des Pelléas-Stils darstellen.
Wie die Flut von Mélisandes Haar in der berühmten Hair-Szene zu Beginn des dritten Aktes die verhängnisvolle Beziehung zwischen dem Titelpaar anbahnt, so streckt Debussys Musik ihre Fühler zu den entlegensten Regungen des Seelenlebens der Protagonisten aus, mehr noch, Debussys Inventionen sind bildlos diese Regungen selbst. Das Ganze ist ein Filigran seelischer Seismographie, für die Lukács den Satz geschrieben haben könnte: „Es gibt (…) Erlebnisse, die von keiner Gebärde ausgedrückt werden könnten und die sich dennoch nach einem Ausdruck sehnen.“ Debussys Musik hat für sich genommen eine solche Imaginationskraft, dass zu befürchten ist, eine Bühnenrealisation könnte ihre Wirkung nur herabsetzen. Jossi Wieler und Sergio Morabito versuchen dieser Gefahr zu entgehen, indem sie eine ganz neue Geschichte erzählen, die immerhin einige verblüffende Schnittpunkte mit dem musikalischen Text hat und die neben dem erotischen Diskurs besonders die tiefenpsychologischen und quasi feministisch-postmodernen Facetten des Werkes herausstellt.
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