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Christian Tepe über Bizets Carmen 2

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion


"Das erfundene Spanien“
Betrachtungen zu Bizets “Carmen“

Man kann den Charakter der „Carmen“-Musik auch mit dem Terminus ästhetischer Positivismus umschreiben. Während diejenige Philosophie, für die gemeinhin der Begriff ‚Positivismus’ Verwendung findet, in einer fragwürdigen szientifischen Ausdehnung der naturwissenschaftlichen Methode auf die Erkenntnis aller Seinsbereiche besteht, möchte ich abweichend von diesem Begriffsverständnis mit dem Begriff ästhetischer Positivismus eine Haltung gegenüber den Phänomenen benennen, die diesen Freiheit gewährt, d.h. die Phänomene bzw. das musikalische Material nicht wie etwa bei Wagner zu einem Sprachrohr tiefschürfender Ideen und hehrer Weltinterpretationen erniedrigt, sondern bei der Sinnengestalt der Erscheinungen innehält. Der ästhetische Positivismus ist also die radikale Absage an ein Kunstideal, dem die Welt der sinnlichen Erscheinungen nicht mehr als eine Oberflächenschicht bedeutet, deren Dignität getreu der Hegelschen Bestimmung des Schönen als dem „sinnlichem Scheinen der Idee“ allein daran befestigt ist, zu einer Manifestation metaphysischer Gehalte umgeformt zu werden. Was es heißt, bei den Phänomenen selbst stehenzubleiben und sie vom Blendwerk der Spekulation zu befreien – Bizet: „Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erscheinen mir die philosophischen Systeme als pure Kindereien“ –, das soll der Chor der Zigarettenarbeiterinnen aus „Carmen“ veranschaulichen. Die Fabrikmädchen entströmen zigarettenrauchend der Tabakfabrik in Sevilla:

“Seht, wie Raucheswolken ziehn
In die Lüfte kräuselnd dahin
Und verbreiten holde Düfte.
Sanft betäubet, schlürft den Rauch
Mit den Lippen, und wie im Hauch
Laßt uns süße Wonne nippen.“

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