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"Das erfundene Spanien“ Betrachtungen zu Bizets “Carmen“Wer durch die europäische Musikgeschichte des späteren 19. und frühen 20. Jahrhunderts streift, dem fällt rasch die Fülle solcher Werke auf, die schon durch ihren Titel einen engen thematischen Bezug zu Spanien für sich in Anspruch nehmen: „España“ von Chabrier, „Capriccio espagnol“ von Rimsky-Korsakov, „Das spanische Liederbuch“ und „Der Corregidor“ von Hugo Wolf, „Rapsodie espagnole“, „L’Heure espagnole“ und „Bolero“ von Ravel, „Ibéria“ von Debussy und natürlich „Carmen“ von Bizet. Nicht minder ungewöhnlich als diese Häufung ‚spanischer’ Kompositionen in einem so kurzen Zeitabschnitt ist dann jedoch der Umstand, daß deren Schöpfer alle keine Spanier sind und zu einem großen Teil niemals spanische Erde betreten haben. Von Bizet, dessen „Carmen“ auf den Opernbühnen der Welt als Inbegriff des musikalischen Hispanismus verherrlicht wird, ist der Satz: „Das wäre mir eine Last“ überliefert, mit dem der Musiker den Vorschlag, Spanien zu bereisen, abschmetterte. Bizets Spanien ist weitgehend eine Schöpfung der Einbildungskraft! Hier soll der Frage nach den ästhetischen Sinnhorizonten des erfundenen Spaniens bei Bizet nachgegangen werden: Was für Ideen werden mit den Spanien-Imaginationen in „Carmen“ chiffriert?
Um Antworten auf diese Frage zu finden, lohnt es sich, zunächst einen kleinen Umweg zu gehen. Als die einflußreichste Komponisten-persönlichkeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird gerne Richard Wagner genannt. Es ist sehr instruktiv, einige Takte aus dem Vorspiel zu Wagners Oper “Lohengrin“ unmittelbar mit dem berühmten Zwischenspiel zum Schlußakt aus Bizets „Carmen“ zu kontrastieren: Wagner selbst beschreibt sein „Lohengrin“- Vorspiel als „die Klage des unstillbaren Verlangens, die sich zum hoffnungslosen Ausbruch steigert und in sich zurücksinkt“. Wagners Apologeten steigern die pathos-gesättigte Ausdrucksweise des Meisters noch, indem sie von „verklärt-verklärenden Harmonien“ sprechen und dazu folgendes näher aus-führen: „Wie aus wesenlosen Höhen der Streicherklang niedersteigt, sich (...) nach der Tiefe zu erweitert, (...) um dann wieder in höchste Fernen zu entschweben, das ist Klangmysterium, noch dazu, wenn Wagner darin die Macht der göttlichen Liebe (...) darstellen will.“ (von Westermann/Schumann) Welch einen Gegensatz enthüllt nun die Gegenüberstellung des „Lohengrin“-Vorspiels mit Bizets „Carmen“. Während sich ersteres wie in Musik übersetzte Metaphysik vernehmen läßt, kündigt Bizet mit „Carmen“ aller „Verklärung“ und „göttlichen Liebe“, allen Mysterien und „wesenlosen Höhen“ und erfindet eine Musik von lakonisch-prägnanter Diesseitigkeit. Fasziniert vom Sensualismus dieser Musik bemerkt Friedrich Nietzsche, auf dessen Spuren wir bei der Gegenüberstellung von Wagner und Bizet wandeln: „Ich hörte gestern – werden Sie es glauben – zum zwanzigsten Male Bizets Meisterstück. (...). Mit ihm nimmt man Abschied vom feuchten Norden, von allem Wasserdampf des Wagnerischen Ideals (...). Hier ist in jedem Betracht das Klima verändert. Hier redet eine andere Sinnlichkeit, eine andere Sensibilität, eine andere Heiterkeit. (...). Ich beneide Bizet darum, daß er den Muth zu dieser Sensibilität gehabt hat, die in der gebildeten Musik Europas bisher noch keine Sprache hatte, - zu dieser südlicheren, bräuneren, verbrannteren Sensibilität ... wie die gelben Nachmittage ihres Glücks uns wohltun.“ (Der Fall Wagner)
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