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Christian Tepe über Madame Butterfly 2

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion


"MADAMA BUTTERFLY REHABILITIERT"
Werner Schroeter inszeniert in Bielefeld Puccinis „Tragedia japponese“ mit einer unvergleichlichen Karine Babajanyan als Cio-Cio San

Am Stadttheater Bielefeld nahm sich der dem Publikum vor allem durch seine Filme (Neapolitanische Geschwister, Malina, Abfallprodukte der Liebe) bekannte Film- und Theaterregisseur Werner Schroeter der des übermächtigen Sentiments bezichtigten Oper an. Schroeter verzichtet auf jegliche Einwattierung der Oper in üppiges Lokalkolorit und arbeitet stattdessen um so schärfer – und dies ist der eigentliche Coup seiner Deutung der Madama Butterfly – jene Möglichkeiten des Kunstwerks heraus, die auf die geistige Eigenart der japanischen Kultur jenseits der projezierten Oberflächenschicht eines atmosphärischen Exotismus abzielen. Schroeter erfindet zusätzlich zum langen Sterben der Cio-Cio San in der Opernliturgie eine Simultanhandlung, die auf einem die Szene überbogenden Gerüst das über die gesamte Spieldauer der Oper verlangsamte Harakiri des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima und zwei seiner Gefährten zeigt. Mit diesem zweiten Handlungsstrang will Schroeter, wie er im Programmheft betont, zwar nicht das Bühnengeschehen um Butterfly unmittelbar kommentieren, wohl aber stellt er damit Butterflys Selbstmord, dessen veristische Zurschaustellung unterbleibt, vor einen neuen Sinnhorizont:

Sieht man im Harakiri den emphatischen Akt der Rettung und Bewahrung persönlicher, geistig-seelischer Versehrtheit in auswegloser Bedrängnis, dann ist Butterfly Selbsttötungshandlung nicht eine defensive Unterordnung unter den grausamen Verhaltenskodex einer inhumanen Gesellschaft oder gar ein Sich-Selbst-Richten, sondern vielmehr eine heroische Geste des Aufbegehrens, ein Medium der Anklage von freilich selbstzerstörerischer Gewalt – Ausdruck der mit dem Auslöschen der eigenen Existenz verbunden Erhabenheit über eine falsche Gesellschaft. Mit seiner Zugangsweise trifft Schroeter den Wesenskern dieses Kunstwerks, das ohne Zweifel seinen Platz in der langen Reihe jener Opern findet, die mit der ästhetischen Verherrlichung einer singulären Frauengestalt implizit Kritik am virilen Charakter der bürgerlichen Gesellschaft üben – und sei es noch in der Kostümierung einer „Tragedia japponese“

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