| Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion
Vernunft und Güte - vergeblich
Paul Dukas’ Oper „Ariane und Blaubart“ als Geschichte der missglückten Frauenemanzipation am Bremer TheaterDabei ist Dukas’ Oper alles andere als ein frauenfeindliches Stück, denn Ariane gehört eben nicht der Legion passiv-duldsamer, leidender Frauenfiguren an, wie man sie etwa von Puccini kennt. Yamina Maamar hat sich die immens anspruchsvolle Partie als Einspringerin in 17 Tagen auf kongeniale Weise zu Eigen gemacht. Sie verkörpert Vernunft, Güte und ein Moment unkonventioneller Wildheit, ist anrührend auch im Konflikt mit ihrer eigenen Liebe zu Blaubart. Ihr Gesang flutet warm und klar, steigert sich immer wieder - besonders in der Diamantenarie - zur lodernden Kraft eines veritablen dramatischen Soprans. Wenn sich Arianes Gefährtinnen am Ende in selbstgewählter Unmündigkeit ihrem ehemaligen Peiniger erneut unterwerfen und ihrer Befreierin den Laufpass geben, ergreift Maamars Ariane durch die starken Augenblicke einer stillen Tragik der Vergeblichkeit. Das ist äußerst schmerzhaft. Diese Heroine verweigert die Erlösung durch einen gefälligen Operntod, der Stachel ihres Scheiterns bleibt im Fleisch des Zuschauers stecken. Die Botschaft schien beim nachdenklichen Premierenpublikum angekommen zu sein, das starken Schlussapplaus spendete, doch jubelnde Bravos weitgehend zurückhielt.
Analog zum aufklärerischen Zug des Librettos hat Dukas eine hochreflexive musikalische Kritik des Fin de Siècle und der Décadence formuliert - paradoxerweise mit den Stilmitteln des Impressionismus und der Spätromantik des frühen Schönberg. Stefan Klingele und die Bremer Philharmoniker parieren diesen reizvollen Widerspruch ohne Scheu vor der Klangschönheit der Partitur. Durch flüssige Tempi, kontraststarke dynamische Abstufungen und letzten Feinschliff im instrumentalen Filigran leuchtet das Orchester einen ganzen Abend so transparent wie die Diamanten, die Ariane besingt und deren Klarheit ihr Wesen widerspiegeln.
Der von Thomas Eitler zuverlässig einstudierte Chor ist in erster Linie darstellerisch gefordert; die Männer als moralisch getarnte Empörer, die gewaltsam ihre Chance erzwingen wollen, sich auch endlich einmal an Blaubarts Frauen vergreifen zu können, während der Frauenchor in akribisch stringenten Einzelstudien das Quintett der ehemaligen Bräute (unter ihnen Yaroslava Kozinas auch vokal einprägsame Sélysette) zum weiblichen Geschlechtskollektiv anwachsen lässt. Neben Yamina Maamar bleibt Maria Kowollik als schauspielerisch ebenbürtige Amme stimmlich unauffällig. Loren Lang verleiht der musikalisch winzigen Partie Blaubarts darstellerisch eine geheimnisvoll verhaltene Anziehungskraft. Dass es ausgerechnet dem emblematischen „Gesang der Töchter von Orlamonde“ im 1.Akt noch an Präzision und vor allem an dem schauerlich-fahlen Grundton fehlt, vermag den ausgezeichneten Gesamteindruck der Produktion kaum zu schmälern.
Christian Tepe.
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