| "Get your kicks on route 66"
Andreas Feininger - Thats Photography
Ausstellung in der Galerie der Stadt Stuttgart - noch bis 01. August 2004 Nun ein paar Gedanken zur aktuellen Wichtigkeit dieser Ausstellung:
"Fotografie ist eine Bildsprache, die einzige Sprache, die überall in der Welt verstanden werden kann. Das macht sie wertvoll und einzigartig. Doch so, wie das gesprochene oder geschriebene Wort intelligent eingesetzt werden kann, um Wissen zu vermitteln, Ideen auszutauschen und den Geist zu stimulieren oder aber dafür, als Geplapper verschwendet zu werden, so kann Fotografie dem Betrachter etwas Wertvolles geben oder seine Zeit mit visuellem Blabla vergeuden. Die wichtigste Eigenschaft der Fotografie ist also ihr Inhalt." (Andreas Feininger - Eine Philosophie der Fotografie; aus dem Katalog zur besprochenen Ausstellung Seite 27)
Für visuelles Blabla sind heute zweifellos diejenigen Massenmedien zuständig, die, für die nur die Lautstärke zählt, die Sensation: mit Bildern von Demütigungen und vermeintlichen oder tatsächlichen Folterungen in amerikanischen Gefängnissen im Irak wird hier ein Bild der USA gezeichnet, das an Einseitigkeit und Undifferenziertheit kaum zu überbieten ist.
Beim Presserundgang vor der Eröffnung wurde die Frage nach der Aktualität der Bilder Feiningers diskutiert und ich finde, daß diese Bilder – auch aufgrund des dahinter liegenden Ausstellungskonzeptes - eine ganz frappierende Aktualität haben:
Feininger unterscheidet also zwischen dem Bild (der Fotografie) und deren Inhalt, was zunächst trivial anmuten mag, heute aber keineswegs selbstverständlich ist: Haben wir in unserer mediendominierten Welt nicht alle gelernt, das Bild für die Wirklichkeit zu nehmen, Bilder - und damit ggf. auch die darin transportierten Wertungen - als Nachrichten aufzunehmen?
Spätestens mit dem 11. September wurde diese Macht der Bilder endgültig deutlich und seit diesem Datum haben wir uns auch daran gewöhnt, daß Bilder aus Amerika ständig mit dem Thema Terror verbunden werden, dem Terror der extremistischen Islamisten und zuletzt eben mit den Bildern von Demütigungen und Folterungen im Irak.
Diese Verbindungen setzten sich fest in den Köpfen der jüngeren Menschen, werden wohl zu deren Bild von Amerika. Wahrlich kein positives Bild. Ob aber, und das ist Feiningers Unterscheidung, dieses Bild seinem Inhalt, dem wirklichen Amerika, gerecht wird, werden erst die zukünftigen Historiker beurteilen können.
Die Feininger-Retrospektive In Stuttgart hingegen erinnert an ein anderes Amerika: viele der Bilder in der Ausstellung erkennt man wieder New York, Manhattan, die großen Brücken, oder die Route 66 kennen wir tatsächlich von Feiningers Bildern, was sicher manchem Ausstellungsbesucher erst in der Ausstellung bewusst wird.
Dieses Bild Amerikas ist auch eines der Größe und der Stärke, aber eines, in welchem die persönliche Freiheit und die Erfahrungen des Einzelnen bedeutender sind als Macht und Kriege. Auch dieses Amerikabild beinhaltet und transportiert Wertorientierungen; auch Erinnerungen aus der Zeit, in denen diese Bilder virulent waren: an Woody Allens verliebt-ironischen Blick auf die Großstadtmenschen Manhattans erinnert mich hier einiges, aber auch die “Anything-Goes“ Einstellung, die uns die Amerikaner voraus haben und die weltanschaulich eher neutral ist: auch bei Arlo Guthrie hieß es damals: “You can get everything you want in Alices Restaurant“.
Dieses Bild Amerikas wird sich hoffentlich als das bessere, das wahre Bild, erweisen.
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